collaborations

exhibitions



PRIWET, NY

ELENA KOVYLINA / AKTION

MARIANNE ENGEL/ FOTOGRAFIE


www.kovylina.com
Teilnahme an der Ausstellung "o.k. Amerika oder der Weg zur Freiheit"

Um heutzutage nach Amerika zu gel
angen, bin ich als russische Bürgerin verpflichtet, meine Fingerabdrücke abzugeben. Diese Methode zur Personenidentifizierung stammt aus der Kriminalistik: so lässt sich die Welt der Kriminellen einfacher kontrollieren, denn der Kriminelle kann sich einer plastischen Operation unterziehen und einen falschen Namen verwenden. Fingerabdrücke jedoch lassen sich nicht manipulieren. Was aber bedeutet dann das Inkrafttreten dieses Gesetzes für all diejenigen Bürger, die zu verschiedensten Zwecken nach Amerika kommen? Bedeutet das etwa, dass allen, die dieses wunderbare Land besuchen möchten, automatisch ein mögliches Verbrechen unterstellt wird? Für Michel Foucault war das Panopticum das Symbol für eine Gesellschaft der Überwachung: eine optimale architektonische Konstruktion, in der der Aufseher die Häftlinge ungehindert beobachten kann. So lässt sich mit Foucault annehmen, dass das Gefängnis symbolisch für ein Modell einer zeitgenössischen - amerikanischen, schweizerischen oder russischen - Gesellschaft steht. Dabei ist bemerkenswert, dass die amerikanische oder die schweizerische Gesellschaft viel durchsichtiger und kontrollierter ist als die russische, weil die Machtstrukturen dieser Staaten viel weniger korrupt sind. Gleichzeitig sind die Haftbedingungen in russischen Gefängnissen viel härter als im Westen. Es ist kein Zufall, dass ein russischer Bürger im Westen eine von der hiesigen Gesellschaft unabhängige Existenz aufzubauen vermag, die man üblicherweise Mafia nennt. Die russische Mafia wird gefürchtet, und eine russische Blondine ruft in jedem europäischen Konsulat panische Angst hervor. Einem Russen fällt es viel schwerer als einem Deutschen oder Franzosen, nach Amerika zu gelangen, aber ist er einmal dort, findet er sich in einer gewissen Konfrontation zum Gesellschaftssystem wieder. Ab und an entdeckt er die Möglichkeit einer Gratwanderung zwischen Gesetz und Verbrechen und erlangt in diesem wackeligen Zustand eine große Freiheit der Selbstverwirklichung. Die Praxis der zeitgenössischen Kunst gehört, wie die der Mafia, zweifellos zu einer experimentellen gesellschaftlichen Erfahrung.

Obzwar die Kunst über keine direkte politische Macht verfügt, ermöglicht sie dem Autor, seine Identität mindestens mithilfe einer unmittelbaren künstlerischen Aussage zu hinterlassen, was eine Resonanz in relativ breiten gesellschaftlichen Kreisen hervorrufen kann. Manchmal stimmt diese Aussage mit allgemeingültigen Verhaltensnormen, politischen Gesetzen oder der vorherrschenden Meinung über die Moral nicht überein. Dann verfügt die Kunst immer noch über eine symbolische Macht und die Möglichkeit eines vermittelten Einflusses auf die Welt. Unter den Bedingungen totaler Kontrolle kann die Authentizität des Künstlers mit dem System in Widerspruch geraten, sich dem System widersetzen. Der Künstler kann für sein Werk bestraft werden, aber seine Spur bleibt in der Kunst erhalten. Das Verbrechen wird durch Kunstexperten legitimiert. Auf diesem Wege wird heutzutage die freie und unabhängige Existenz der Kunst erlangt.

Die Ausstellung o.k. Amerika problematisiert gerade den von Anfang an vorhandenen Widerspruch im Konflikt zwischen der persönlichen Freiheit einer künstlerischen Äußerung und der Kontrolle seitens des Staates. Dabei wird ausgerechnet das gesellschaftlich-politische Klima Amerikas aktualisiert. Als Moskauer Künstlerin, deren Vorstellungen über Amerika sich auf der Grundlage sowjetischer Filme und Filme aus Hollywood bildeten, halte ich die Teilnahme an dieser Ausstellung für eine interessante und wichtige künstlerische Aufgabe. Ich werde nicht über den Background des kalten Krieges und anderer, weitverbreiteter Vorstellungen über das Verhältnis der beiden Länder sprechen, wie zum Beispiel über den einzigartigen Heldenkult, der auf beiden Seiten einer Überidee diente, zum Beispiel bei James Bond und Stirlitz. Ich werde auch nicht über den Verlust dieser Ideale, ihre Verschiebung in Richtung kriminelle Ästhetik sprechen. Das Heroische wurde damals gerade als Weggang aus der Kontrolle der Macht gesehen, inzwischen allerdings findet man das Heroische im Namen viel banalerer und privater Ideale wieder (die typischen Helden sind eine Prostituierte und ein zum Verbrechen verdammter Verbrecher, ein Verbrecher wider Willen).
Wahrscheinlich werde ich kaum den Umstand reflektieren können, dass letztlich das Werk, die Aktion womöglich ohne die Künstlerin stattfinden wird, einfacher gesagt, nicht stattfinden kann, da ich immer noch keinen Termin für die Visumsbeschaffung in der amerikanischen Botschaft in Bern bekommen habe...
Ich hoffe sehr auf Ihre Hilfe. Für den Fall eines Misserfolges bereite ich eine Reihe Zeichnungen vor, die, mit einem Text versehen, meine persönliche Anwesenheit in Amerika ersetzen werden.

Projektbeschreibung

Aktion "Der Weg zur Freiheit"

1. Variante

Der Ort: New York, der Weg vom Broadway zur Freiheitsstatue

Assistenten: ein Polizist, ein Kameramann mit Video

Requisiten: "Blinde" Linsen

Kleidung: ein elegantes Kleid, high heels

Handlung: Ich gehe in Begleitung eines Polizisten. Ich kann nichts sehen, da ich "blinde" Linsen trage. Für Außenstehende sieht es so aus, als ob ein blindes Mädchen von einem Polizisten begleitet wird. Der Polizist erzählt auf Englisch, was man sehen kann, d.h. was um mich herum ist. Mein Gesicht kann man sich als Bild vorstellen, das an Breughels "Die Blinden" erinnert: anstelle der Augäpfel weiße, leere Augenhöhlen. Wir laufen durch die Stadt und gehen beide auf die Freiheitsstatue. Ich schaue um mich, d.h. schaue mit blinden Augen in alle Richtungen. Der Kameramann geht die ganze Zeit vor mir her und filmt uns immer en face. So sind im Bild immer zwei Gesichter zu sehen: das des Polizisten und meins, das Gesichts des Polizisten, der einen klischeehaften touristischen Text über Amerika erzählt und mein blindes Gesicht mit den leeren Augenhöhlen, dass sich den Geräuschen zuwendend etwas zu sehen versucht. Die letzte Szene bildet die Aussicht von der Freiheitsstatue aus auf die Stadt. Auf der Ausstellung wird dieses Video gezeigt, außerdem wiederhole ich das als Performance. Ich trage dieselbe Kleidung und befinde mich in Begleitung desselben Polizisten, er stellt mich einigen Zuschauern vor, aber ich kann auf Englisch nur antworten, dass ich diese Sprache nicht sprechen kann.

2. Variante

Projektbeschreibung 2.

Aktion "Weg zur Freiheit"

Der Ort: New York, der Weg von Manhattan zur Freiheitsstatue einschließlich der Schiffsfahrt zur Insel

Assistent: 1 Kameramann

Requisiten: "Blinde" Linsen

Kleidung: Uniform eines amerikanischen Polizisten

Die Handlung: Ich werde vom Kameramann begleitet und trage blinde Linsen, die den Augapfel zudecken, so dass ich nichts sehen kann
Ich schaue mich um, d.h. ich schaue mit blinden Augen in alle Richtungen. Der Kameramann geht immer vor mir her und filmt uns immer en face. So ist mein Blick, immer im Bild, der Blick eines blinden Polizisten immer zu sehen.

Die letzte Szene der Videodokumentation bildet die Aussicht von der Freiheitsstatue aus auf die Stadt. Auf der Ausstellung wird dieses Video gezeigt, und ich wiederhole außerdem die Performance. Ich trage dieselbe Kleidung und werde vom Kameramann begleitet, er stellt mich einigen Zuschauern vor, ich aber kann lediglich auf Englisch antworten, dass ich diese Sprache nicht sprechen kann.



O.K. America!
at
Video von Elena Kovylina
PRIWET AMERIKA
Kamera von Elena Kovylina
Schnitt von Victor Escobar
Zuerich 2004